Good News von Mallorca: Die Arbeitslosigkeit auf der Tourismus-Hochburg ist im Mai um 14,2 Prozent zum Vormonat zurückgegangen. Auch in der Baubranche fanden wieder mehr Spanier einen Job, meldet das „Mallorca Magazin“. Zugegeben, Mallorca ist nicht Spanien, aber der Trend steht sinnbildlich für das ganze Land. Nach Jahren des Abschwungs geht es wieder aufwärts. Die Reformen von Ministerpräsident Mariano Rajoy fruchten. Die Arbeitslosenquote beginnt zu sinken, und der Immobilien- und Bankensektor ist stabilisiert. Die spanische Wirtschaft wächst schneller als die der gesamten Eurozone und dürfte in diesem Jahr laut den Analysten der Deutschen Bank um rund 2,5 Prozent zulegen. Europa hat ein Sorgenland weniger.

Europa holt auf

Die Unternehmen der Eurozone haben aktuell eine größere Gewinndynamik als die Firmen in den USA und in Deutschland. So legten europäische Unternehmen von Anfang 2015 bis Juni 2017 um 38,6 Prozent zu.

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Quelle: Thomson Reuters Datastream, Stand: 06/2017

Auch im Rest Europas wächst die Zuversicht. Mit der Wahl von Emmanuel Macron in Frankreich steht ein bekennender Europäer an der Spitze des wichtigsten politischen, aber auch wirtschaftlichen Partners Deutschlands. „Zum ersten Mal seit langer Zeit haben wir in Europa eine breite Erholung, die immer mehr Länder und Branchen erfasst“, sagt Britta Weidenbach, Leiterin Europäische Aktien bei der Deutschen Asset Management. Die europäische Wirtschaft steht vor einem eindrucksvollen Comeback.

Politik beflügelt Börsen

„Der Aufschwung ist intakt“, ist sich auch Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts, sicher. Er sieht kaum Risiken. Selbst die Bundestagswahl am 24. September 2017 hierzulande werde keine böse Überraschung bringen, so Fuest. Vielmehr hätten Deutschland und Frankreich nun die große Chance, die Gemeinschaftswährung mit neuen Reformen zu festigen.

Diese bessere Stimmung ist dabei nicht auf wenige Länder beschränkt. Neben Spanien befinden sich auch andere ehemalige Problemstaaten wie Irland, Portugal oder Zypern auf dem Weg der wirtschaftlichen Besserung. Dabei gilt Irland als das Musterland der Eurorettung. Mit mehr als vier Prozent Wachstum war die Inselnation 2016 vorn dabei im Euro­raum. Die Krise von 2008 und 2009 – als die irische Immobilienblase platzte, der Staat Banken retten musste und dadurch an den Rand des Ruins geriet – erscheint aus heutiger Sicht fast als Intermezzo in einem seit vielen Jahren anhaltenden Boom. Die bürgerliche Regierung des Anfang Juni 2017 zurückgetretenen Premiers Enda Kenny hat rigoros gespart und reformiert. Sie hat Steuern erhöht und Sozialleistungen eingeschränkt, aber zugleich auch viel Geld investiert.

„Wir haben europäische Aktien auf Übergewichten hochgestuft.“

Britta Weidenbach: Leiterin Europäische Aktien bei der Deutschen Asset Management
Britta Weidenbach
Leiterin Europäische Aktien bei der Deutschen Asset Management

Europas Stärken

Die Prognosen für die Eurozone stimmen insgesamt optimistisch. „Wir erwarten für das laufende Jahr ein reales Wachstum von 1,8 und für 2018 etwa 1,7 Prozent“, so Weidenbach. Für den positiven Trend sprechen gleich mehrere wichtige Indikatoren: Konsumentenvertrauen und Einkaufsmanager­umfragen notieren überwiegend auf Langzeithochs. Auftragseingänge, Industrieproduktion, Kreditvergabe und Löhne ziehen ebenfalls weiter an. Die Arbeitslosenquote ist seit Mitte 2013 rückläufig. Europas stark exportorientierte Wirtschaft profitiert zudem von der Stabilisierung der ökonomischen Entwicklung in einigen Schwellenländern. Damit treten die Stärken Europas aktuell wieder in den Vordergrund: Das makroökonomische Umfeld hellt sich auf und auch die Gewinndynamik der Unternehmen kann wieder überzeugen. „Dieses Jahr sollte den Wendepunkt in Europa zum Positiven markieren. Das Gewinnwachstum ist nach sechs schwachen Jahren zurückgekehrt“, sagt Weidenbach.

Die Expertin rechnet deshalb mit einem zweistelligen Plus bei den Unternehmensgewinnen im Jahresvergleich. Die bisherige Berichtssaison stützt diese positiven Erwartungen. Dazu kommt: Die Bewertungen sind vor allem im Vergleich mit anderen Anlagen, wie beispielsweise Anleihen oder US-Aktien, attraktiv.

Dabei sind laut Weidenbach die Branchen Finanz- und Industriedienstleister sowie zyklische Konsumtitel wie auch Informationstechnologie derzeit interessant. Viele professionelle Anleger sprechen bereits davon, dass sie Europa als Investitionsziel wieder attraktiver finden. „Wir haben europäische Aktien auf Übergewichten hochgestuft und sehen, dass auch ausländische Investoren ihre Gelder verstärkt nach Europa umschichten“, erklärt die Fondsmanagerin.

Politische Restrisiken

Also alles im grünen Bereich in Europa? Fast. Neben dem Brexit, der die Wirtschaft nicht beflügeln dürfte, ist die Entwicklung Italiens derzeit das größte Einzelrisiko. In der drittgrößten Volks­wirtschaft der Eurozone trifft ein fragiler Bankensektor auf ein siechendes Wirtschaftswachstum. Die politische Unzufriedenheit manifestiert sich in der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung. „Momentan sehen wir es als etwas wahrscheinlicher an, dass in Italien im Frühjahr 2018 gewählt wird und nicht schon vorgezogen im Herbst 2017. Danach werden wir sehen, wohin Italiens Weg führt“, erklärt Weidenbach.

26

Prozent

Mehr Gewinn dürften spanische Unternehmen 2017 im Vergleich zum Vorjahr erzielen.

Quelle: Deutsche Bank AG, Stand: 05/2017

Europa zuerst!

In Abwandlung von Donald Trumps „America first“ könnte die zukünftige Devise für Anleger in den nächsten Monaten „Europa zuerst“ lauten. „Für die europäischen Börsen sprechen derzeit die Beschleunigung des Gewinnwachstums, die aktuellen Wirtschaftsdaten und geringere politische Risiken“, fasst Weidenbach zusammen. Zwar ist nicht zu erwarten, dass in den kommenden Monaten alles glatt läuft in Europa. Doch das Momentum spricht derzeit für die EU. So hat Spaniens Erholung längst auch den Kapitalmarkt erreicht. Immerhin erwarten Analysten im Jahr 2017 für die spanischen Unternehmen ein Gewinnplus von über 26 Prozent im Jahresvergleich, für Europa (Stoxx 600-Index) erwarten die Strategen der Deutschen Asset Management immerhin ein Gewinnwachstum von 10,9 Prozent. Ganz schön flotte Zahlen für solch einen alten Kontinent.