Das Börsenjahr 2016 wird uns dank seines versöhnlichen Ausgangs in guter Erinnerung bleiben. Deutsche Aktien erzielten gemessen am Dax eine Wertentwicklung von 6,9 Prozent, deutsche Anleihen 3,3 Prozent. Der Dollar wertete um 3,2 Prozent auf und Gold konnte in Euro gerechnet sogar um 14,7 Prozent zulegen. Dabei war das Jahr voller Überraschungen: Nach einem Start mit zweistelligen Kursverlusten bei Aktien folgte ein erneuter Schlag nach dem unerwarteten Ausgang des Brexit-Votums und im Dezember erteilten die Italiener den Reformvorhaben eine Absage. Dagegen sorgte die US-Wahl für Euphorie. Welche Lehren kann man daraus ziehen?

Johannes Müller: Chief Investment Officer Multi Asset Deutschland

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Schwer in der Kritik

Erstens: Märkte spiegeln à la longue die Entwicklung des fundamentalen Umfelds wider. Zugegeben, diese These war im ersten Quartal nicht leicht zu verteidigen: Als überzeugter „Fundamentalist“ steht man stark unter Druck, wenn der Dax um 1000 Punkte nachgibt und man mit einem „soliden wirtschaftlichen Umfeld“ argumentiert. Noch schwieriger wird es, wenn man nach weiteren 1000 Punkten Rückgang immer noch von „soliden Fundamentaldaten“ spricht, die diese Kursentwicklung nicht rechtfertigen. Im hektischen Februar 2016 wussten denn auch findige Analysten aus einigen Aktienbewertungen eine Rezession um zwei Prozent abzuleiten. Ein Blick auf Kurs­historien zeigt jedoch, dass Kurseinbrüche weit häufiger auftreten als Rezessionen. Das war 2016 der Fall. Da die Rezession ausblieb und sich das Wachstum in der Eurozone als robust erwies, haben die Aktienkurse zum Jahresende wieder aufgeholt.

Zweitens: Meine zweite Erkenntnis ist, dass die Abweichungen von einem „fundamental gerechtfertigten Kursniveau“ sowohl heftiger ausfallen und auch länger Bestand haben können, als man es für möglich hält. Dazu mögen viele Faktoren beitragen, ein Grund ist aber in den vergangenen Jahren noch hinzugekommen: das aktuelle Nullzinsumfeld. Dass zurzeit kein „sicherer Zins“ mehr erzielt werden kann, ist aus der Einkommensperspektive unerfreulich. Der Zins war für viele Anleger aber auch eine Quelle von Risikobudgets. Seitdem diese Quelle versiegt ist, müssen viele Investoren bei Kursrückgängen schon früher „die Reißleine ziehen“ und Positionen verkaufen. Das erhöht in einem schwachen Markt­umfeld zusätzlich den Verkaufsdruck.

Drittens: Als dritte und letzte Lektion bleibt die Erkenntnis, dass politische Überraschungen die Märkte zwar stark bewegen können, wenn aber auf die Wahlen oder Referenden kein Wirtschaftseinbruch samt Rückgang bei den Unternehmensgewinnen folgt, kehren Märkte auch schnell wieder zur Tagesordnung zurück – frei nach Kostolany: Kaufen, wenn die politischen Kanonen donnern! Einschränkung: Dieses Zitat stimmt natürlich nur dann, wenn politische Entwicklungen keine Rezession verursachen.

Fazit: 2016 hat gelehrt, sich auf die Fundamentaldaten zu konzentrieren. Heftige Marktreaktionen beruhen oft auf dem Verkaufsdruck durch die Niedrigzinsen. Politische Börsen können für Anleger also Chancen bieten.